Begehren verlangt Stärke

“ICH WILL EIN EIS!”

Das Kind darf sich zwei Kugeln aussuchen: es will Schokolade und Himbeere, genießt und strahlt.

Zwei Tage später zieht es Papa wieder zur Eisdiele, sein Wunsch, nochmal die süße Leckerei zu genießen, ist groß. Papa hat heute aber gute Gründe, dass es kein Eis gibt. Tränen? Geschrei? Drama?

Auf jeden Fall eine elementare Lernerfahrung und die wichtige Auseinandersetzung mit einem universellen Gesetz:

WIR KRIEGEN NICHT ALLES, WAS WIR WOLLEN.

Oh no, heute gibt es kein Eis! Was jetzt?

  • Das Kind brüllt so lange seine Umsorgenden mürbe, bis dem Wunsch doch noch nachgegeben wird. Learning: Ich muss nur genug Druck aufbauen um zu bekommen, was ich will (auch wenn das für den anderen nicht passt)
  • Das Kind findet sich mit der aktuellen Gegebenheit ab und fragt bei nächster Gelegenheit wieder. Learning: Es ist legitim, Wünsche zu haben und wenn es für alle passt, werden diese erfüllt.
  • Das Kind ist frustriert und behält seine Wünsche zukünftig für sich. Learning: Ich wünsche mir lieber nichts, meine Wünsche sind unwichtig.

Ratschläge für eine gute und erfüllte Beziehung legen den Fokus oft auf die Kommunikation: Wir müssten nur miteinander reden, dann Verständnis füreinander entwickeln und dann würden unsere Wünsche erfüllt und die Probleme weggezaubert.

Doch: Ein Paar besteht nicht aus zwei Hälften, die sich zu einem Ganzen gefunden haben, sondern aus zwei Individuen mit ihren ganz eigenen Wünschen, Bedürfnissen, aktuellem Fokus, Zuständen.

“ICH WILL EIS……Äääh…..SEX!”

Wer also denkt, er*sie müsste nur lange genug mit dem*der Partner*in sprechen, Verständnis erzeugen und würde dann seine*ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen, wird möglicherweise enttäuscht werden.

Denn: Das Gegenüber will heute kein Himbeer-oder Schokoeis. Vielleicht will er*sie heute gar kein Eis. Vielleicht ist bei ihm*ihr heute eher Schnitzel oder Salat angezeigt. Und vielleicht ist Eis auch für die nächsten Wochen oder Monate keine Option.

Was hat aber der Wunsch nach einem Eis mit Begehren und was hat das mit innerer Stärke zu tun?

Im besten Fall haben wir gelernt, dass es gute Gründe gibt, warum unsere Wünsche immer mal wieder nicht erfüllt werden (können).

Was erstmal frustriert, kann auf Dauer zu innerer Stärke führen: Dass ich heute kein Eis bekomme, akzeptiere ich, gleichzeitig ist es wahrscheinlich, dass meine Wünsche zu einem anderen Zeitpunkt erfüllt werden.

Wenn ich in mir stabil bin, kann ich ohne Risiko begehren:

Ich zeige meinem Gegenüber, dass ich ihn*sie will und gestehe ihm*ihr gleichzeitig zu, dass er*sie mir nicht geben kann/will, was ich gerade will.

Mit einer Absage kann ich umgehen, denn davon hängt mein Selbstwert nicht ab.

Wichtig:

Es geht nicht darum, monate-oder jahrelang bestimmte Zustände schweigend zu erdulden! Achtsame Kommunikation über die eigenen Bedürfnisse ist der nächste Schritt.

NICHT BEGEHREN WOLLEN

Wenn Begehren ausbleibt, ist manchmal diese Strategie dafür verantwortlich:

Lieber will ich gar nicht wollen, weil ich mit dem Schmerz nicht umgehen kann, nicht zu bekommen, was ich will.

Begehren scheint unberechenbar und manche Menschen fühlen sich nur sicher, wenn sie ihr Gegenüber im gleichen Ausmaß begehren, wie das Gegenüber ihn*sie begehrt.

„Ich kann nackt durchs Haus laufen, er schaut mich nicht einmal mehr an!“ Frustriert schildert sie mir, wie sie das nicht-begehrt werden ihres Mannes erlebt. Ihre Annäherungsversuche werden von ihm ignoriert. Sie überlegt, sich auf Tinder anzumelden, um mal wieder „dieses Feuer, das gewollt werden, zu spüren“.
Gerade in langjährigen Partnerschaften kommt es häufig vor, dass einer oder beide Partner*innen kein Begehren mehr zeigen. Meist entsteht nach zunehmender Verärgerung eine tiefe Kluft.
Sexualität ist ein Spannungsfeld, das uns oft an unsere Grenzen bringt, vor allem, wenn wir es als ein Feld der fremdbestätigten Selbstwahrnehmung begreifen. Wenn wir persönlich nehmen, dass das Gegenüber scheinbar gerade kein Interesse an Intimität hat. Wenn wir es als Bewertung der eigenen Person auffassen: “Scheinbar bin ich nicht mehr attraktiv, jugendlich, aufregend genug? Dein ausbleibendes Begehren verunsichert mich, wirft mich aus der Bahn!“
Quick Fix? Affäre oder Beendigung der Partnerschaft. Für kurze Zeit scheint mit dem*der Neuen alles herrlich: Da sagt mir endlich wieder mal jemand, wie heiß, begehrenswert ich bin, mein Marktwert ist stabil! Bis sich erneut das fluktuierende Begehren einstellt und wir wieder ins Zweifeln kommen: Bin ich wirklich noch anziehend?
Wie wäre es, wenn wir einen Schritt weiter gehen in der Selbstentwicklung:
Statt das ausbleibende Begehren des anderen als eine Aussage über uns aufzufassen, in der inneren Stabilität, der eigenen Ruhe bleiben. Beim anderen (nach einem gewissen Zeitraum) behutsam nachfragen, was gerade anliegen könnte, welche Gründe es geben könnte für das Ausbleiben des Begehrens.
Statt zu flüchten: bleiben. Das eigene Begehren kommunizieren (dabei bei den eigenen Gefühlen bleiben, alles was eine Aufforderung enthält, kann Druck aufbauen, was sehr kontraproduktiv sein kann) – und damit in der Nähe bleiben. Genauso wie ich Nähe herstellen kann, wenn ich meine Traurigkeit, meine Zweifel, meine Wut und meine Ängste kommuniziere, darf ich auch mein Begehren kommunizieren.
Statt die Kluft größer werden zu lassen, zu zweit gucken, wie groß der Spielraum ist, und vielleicht der Kreativität freien Lauf lassen.

Eifersucht

Der Cocktail aus Gefühlen, der da wie eine große Welle über dich schwappt, ist echt gemein und tut weh. Er besteht aus Verlustangst, Angst, Wut, Panik, Trauer, Selbstzweifel, Minderwertigkeits-komplexen, dem Gefühl, im direkten Vergleich mit jemand anderen “zu verlieren”, Verunsicherung, Liebe, Zweifel, Aggression.

Grade war die Welt noch in Ordnung, dann passiert etwas oder deine Gedanken galoppieren von selbst los und schon bist du mitten drin in der Eifersucht.

EIFERSUCHT – GEFÜHLE & GEDANKEN

“Ich brauche dich so sehr!”

“Bitte bitte liebe mich”

“Verlass mich nicht!”

“Mit wem hat sie gesprochen?”

“Worüber lachen die beiden miteinander?”

“Sie hat ein neues Parfum gekauft, versucht sie, jemand zu beeindrucken?”

“Er sieht besser aus als ich”

“Ich bin allein ohne ihn”

“Ich möchte sie ganz für mich haben”

“Ich mag es, sie eifersüchtig zu machen, dann bemüht sie sich um mich”

EIFERSUCHT IST NORMAL

Eifersucht ist zunächst mal ein Gefühl aus unserem riesigen Spektrum an Emotionen. Scheinbar ist das auch keine neue Erfindung, denn wir kennen es sowohl entwicklungsgeschichtlich als Menschheit, als auch individuell schon lange: Bereits als Kind machen wir meist erste Erfahrungen mit diesem unangenehmen Gefühl, das entsteht, wenn wir den (tatsächlichen oder fantasierten) Verlust eines vertrauten und geliebten Menschen fürchten. Sogar Tiere empfinden scheinbar Eifersucht.

Eifersucht muss nicht per se pathologisch sein und deutet auch nicht immer auf einen geringen Selbstwert hin.

Drei Formen werden unterschieden:

1. Reaktive Eifersucht

>> entsteht durch einen realen Anlass

2. Misstrauisch-ängstliche Eifersucht

>> Ängste und Minderwertigkeitsgefühle lassen die Eifersucht entstehen

3. Besitzergreifende Eifersucht

>> Derjenige, der das Gefühl empfindet, schränkt den Partner ein, kontrolliert ihn, wendet eventuell sogar Gewalt an

EIFERSUCHT = LIEBE?

Eifersucht in einer Beziehung ist noch kein Indikator für Liebe, sondern hat meist etwas mit der Biografie des Fühlenden zu tun.

Oft hat der Mensch (in seiner Kindheit) unsichere Bindungserfahrungen, Liebesentzug, Verlustangst erlebt oder hat aus verschiedenen Gründen ein gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl entwickelt. Wurde in der Kindheit die Eifersucht des Kindes abgewertet, kann sich das in ihm wie ein Makel festgesetzt haben.

EIFERSUCHT UND TRADITIONEN

Soziale und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner könnten Eifersucht in Beziehungen verstärkt haben: wenn z.B. ein Partner zugunsten der Kinder-erziehung seine Karriere hintangestellt hat, dadurch in die wirtschaftliche Abhängigkeit geriet und das alles in einer Gesellschaft, in der Trennungen Ächtung und wirtschaftlichen Ruin nach sich gezogen haben, kann Eifersucht (und die Verlustangst gegenüber dem Partner) plötzlich ein zentrales und teils nachvollziehbares Gefühl geworden sein.

DIGITALE EIFERSUCHT

Der Umgang mit sozialen Medien und die Allgegenwart von Handys können auch Konflikte hervorrufen. Entweder, weil viel Zeit am Handy/PC verbracht wird und diese Zeit nicht gemeinsam genutzt wird oder weil die Aufmerksamkeit nicht ungeteilt beim Partner sein kann. Verwirrung entsteht auch bei der Kommunikation und der Verwendung von Emojis mit anderen sowie bei der eigenen Darstellung in den sozialen Netzwerken. Ist es möglich, den Partner am eigenen digitalen Parallelleben teilhaben zu lassen?

EIFERSUCHT – WAS TUN?

Hilfe zur Selbsthilfe, wenn du immer wieder unter Eifersucht leidest:
1. Nervensystem beruhigen
2. Realitätscheck: Gab es einen realen Anlass ➡️ Ansprechen beim Partner? Oder sind meine Gefühle getriggert ➡️ Selbstreflexion, Gefühle sortieren, woher kenne ich den Schmerz (wie alt war ich, als er zum ersten Mal auftrat)?
3. Selbstwert stärken und die Eigenständigkeit ausbauen
4. Vergleiche zu anderen einstellen (Vergleichen macht meistens unglücklich)
5. Professionelle Hilfe zur Emotionsverarbeitung beanspruchen
6. Fähigkeit stärken, den konstruktiven Umgang mit belastenden Emotionen zu lernen
7. Mit dem Partner in Kommunikation treten, Nähe herstellen, indem du dich öffnest und aus deiner Perspektive (in der ICH-Form) ohne Schuldzuweisung über deine Gefühle erzählst. Eifersucht muss nicht zum Konflikt führen, wenn die Verlustängste überwunden werden können.

Du bist in einer Partnerschaft und dein*e Partner*in wird immer mal wieder von eifersüchtigen Gefühlen überrollt? Strebt miteinander eine wertschätzende Kommunikation an. Schuldzuweisung in jegliche Richtung bringen gar nichts, sondern vergrößern die Kluft zwischen euch. Resultieren die schmerzhaften Gefühle aus schmerzhaften Erfahrungen, ist es wenig sinnvoll, wenn du den Fühlenden zusätzlich abwertet und klein machst, dich vielleicht sogar über ihn*sie stellst („du immer mit deiner Eifersucht/du bist ja eh immer eifersüchtig etc“). Sprecht miteinander über die belastenden Gefühle und was helfen kann, dass die Gefühle nicht entstehen oder was es braucht, sie zu verstehen und zu verarbeiten. Unterstützt euch gegenseitig darin, professionelle Hilfe zu beanspruchen, wenn die Gefühle aus eigener Kraft nicht bewältigt werden können.

Umgang mit pathologischer Eifersucht:
Reagiert dein*e Partner*in kontrollierend, wütend oder gewalttätig auf dich und schafft es nicht, bei seinen*ihren Emotionen zu bleiben, dann hol dir Hilfe!
Wende dich bei emotionaler oder physischer Gewalt beispielsweise an:
Polizeiruf 110
Telefonseelsorge Deutschland: 0800 / 111 0 111 oder 0800 111 0 222
www.frauen-gegen-gewalt.de/hilfe-beratung.html
www. maennerberatungsnetz.de
https://www.frauen-gegen-gewalt.de

Bin ich liebenswert?

Wir wünschen uns nichts so sehr, wie als der Mensch angenommen und geliebt zu sein, der wir sind. Das ist aber nur möglich, wenn wir uns mit allen Facetten zeigen.

Viele Konflikte in der Partnerschaft entstehen, weil einer oder beide Partner auf die Bestätigung durch andere (zum Beispiel den Partner) angewiesen sind.

Es lohnt sich für die eigene Entwicklung und für die Verbesserung der Partnerschaft, die Notwendigkeit nach Fremdbestätigung zu hinterfragen und nach und nach abzulegen.

EHRLICHKEIT

Wenn ich mir unsicher über meinen Wert bin, bin ich mir auch unsicher darüber, welchen Wert meine Bedürfnisse, Wünsche, Träume und Fantasien sowie meine Gefühle haben.

Aus dieser Angst wird oft ein Versteckspiel:

“Aus Angst, dich zu verlieren, verstecke ich meine intimsten Gedanken und Gefühle vor dir. Lieber biege ich meine Wahrheit in alle möglichen Richtungen.”

EIFERSUCHT

Wer sich unsicher über seinen Wert ist, lebt in Angst, der*die Partner*in könnte jemand passenderen finden oder bei der nächsten Gelegenheit davon laufen und sieht auch noch ständig Beweise für diese Ängste.

“Er hat die Nachbarin angelächelt, ich habe Angst, dass er mich verlässt. Sie ist viel hübscher als ich”

ECHTE NÄHE UND INTIMITÄT

Menschen, die unsicher über ihren Wert sind, hüten sich davor, sich anderen Menschen in all ihren Facetten zu zeigen. Das führt dazu, dass in einer Beziehung immer unausgesprochene Themen bestehen und sich die beiden Partner nie ganz kennenlernen. Der Vorwurf “du verstehst mich einfach nicht” ist dann eine richtige Feststellung und der Partner müsste darauf antworten: ”Zeig dich mir, so dass ich eine Chance habe, dich zu verstehen”. Sich nicht zeigen und öffnen hat zur Konsequenz, sich nie ganz gesehen zu fühlen.

SEXUALITÄT

Wer auf Fremdbestätigung angewiesen ist, geht sexuell wahrscheinlicher über die eigenen Grenzen und macht dem*der anderen zuliebe Dinge, die sich vielleicht nicht gut anfühlen.

Außerdem wird Sex dann oft dazu benutzt, sich den eigenen Wert bestätigen zu lassen (“War es gut für dich?”). Merkt der eine, dass der Partner die Bestätigung braucht, wird er eher Erregung und/oder Orgasmen vortäuschen.

EMOTIONALE ABHÄNGIGKEIT

Braucht man Fremdbestätigung, wird man sich in einer Beziehung niemals frei fühlen, zu sagen/tun/lassen, was man fühlt und denkt. Der Drang nach Anerkennung von Außen kann auch zum Perfektionismus in der Partnerschaft führen und zum Zustand des “ich mache dir alles Recht”. Dies kann zu einem riesigen Druckgefühl werden, aus dem dann ausgebrochen werden “muss”. Grenzen werden weniger gesetzt und toxische Verbindungen können entstehen, wenn der Partner das ausnutzt.

MUT UND INDIVIDUALITÄT

Auf der Suche nach Fremdbestätigung verlieren Menschen ihren Mut und das Einstehen für die eigenen Werte. Ständig lauern überall gefühlte Gefahren und der Partner wird zum absoluten Mittelpunkt des Universums und manchmal gleichzeitig zum schlimmsten Feind.

Die eigene Individualität einzubüßen ist ein schwerer Verlust und führt am Ende dazu, dass man sich leichter in der Beziehung verliert und auf den Partner auch weniger attraktiv wirkt.

Sich des eigenen Wertes bewusst zu werden und sich mit allen Facetten zu akzeptieren ist ein manchmal beschwerlicher, aber für alle Beziehungen lohnenswerter Weg.

Menschen, die mit sich selbst im Einklang sind, treffen die richtigen Entscheidungen, setzen gesunde Grenzen, können echte Nähe zulassen, bewahren Stabilität auch in Krisensituationen, fühlen sich freier und unabhängiger und können sich ehrlich der Welt mitteilen und fühlen sich dadurch gesehen.

Sich in einer Beziehung verlieren

Am Anfang wirkt alles wie das perfekte Match: Ich und du, wir beide, in unserer Bubble. Ein Blick in deine wunderschönen Augen sagt mir zweifelsfrei: Du bist perfekt, wir passen perfekt zusammen, wir sind einfach ein Traumpaar.

Nach und nach merkt einer von uns, dass es Themen gibt, die Konfliktpotenzial haben. Und dann passiert es: Einer von uns, vielleicht ich, mag keine Konflikte. Harmonie und Liebhaben ist das Beste auf der Welt, oder?

Deswegen beginne ich, die schwierigen Themen zu umschiffen. Ich werde zum geschickten Kapitän auf einem sehr unruhigen Meer, aber ich bin ja nicht doof und lerne zunehmend, was unser Harmonie-Schiffchen ins Wanken bringen könnte. Um diese Klippen steuere ich gekonnt herum, ich verschweige, dass ich da vorne an der Landzunge lieber links statt rechts abgebogen wäre, ich rede auch nicht darüber, dass wir unser Schiff mal reparieren lassen sollten und dass wir dringend neuen Proviant bräuchten.

Ich finde die Fahrt anstrengend, aber ich liebe die Harmonie zwischen uns und bin stolz darauf, dass wir uns so wenig streiten. Ich bin auch stolz darauf, dass ich so großzügig und nachgiebig bin und dass ich dir immer gebe, was du brauchst.

Was mir erst nach Jahren (oder vielleicht erst nach der Trennung) auffällt:

Ich bin in unserer Beziehung verschwunden.

Ich bin unsichtbar geworden, ich bin von einem Menschen, der mal eine eigene Meinung hatte, zum people-pleaser für dich geworden.

Unsere Harmonie, und mehr noch, deine Zuneigung und die Angst davor, dass du mich und meine eigene, möglicherweise abweichende Meinung ablehnen könntest, sind so wichtig für mich geworden, dass ich dieser Angst gefolgt bin und mich als eigenständige Person mit eigener Meinung, eigenen Wünschen, eigenen Träumen und eigenen Bedürfnissen aufgelöst habe.

Wenn ich das nicht erkenne und diese Themen nicht angehe, sind zwei Szenarien wahrscheinlich:

Du trennst dich, weil du das Interesse an mir verlierst, du weißt gar nicht (mehr), wer ich bin.

Ich trenne mich, weil ich dich als dominant und einschränkend empfinde und mir nicht länger von dir sagen lasse, was Sache ist.

WICHTIG:

Es ist nicht in jeder Konstellation möglich, dass beide Partner sich entfalten und ihre Eigenständigkeit bewahren können!

In Beziehungen, in denen physische oder psychische Gewalt ausgeübt oder ein*e Partner*in sonstwie massiv und aktiv unter Druck gesetzt wird oder ein* Partner*in Narzisst*in ist, ist meist nur die Trennung ein gesunder Schritt für beide. Auch in Beziehungen, in denen Abhängigkeiten voneinander bestehen und diese Abhängigkeiten von einer Seite ausgenutzt werden, können sich nicht beide frei entfalten. Solche Beziehungen sind entweder toxisch oder haben starke toxische Anteile.

Ich spreche hier über Beziehungen, die frei von diesen Aspekten sind.

In gesunden Beziehungen passiert es immer wieder, dass sich ein*e Partner*in verliert und dies möglicherweise erst nach Jahren feststellt.

Meist liegt die Ursache im Sebstwertgefühl und den Ängsten der Person begründet.

Es gehört immer wieder Mut dazu, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, vielleicht sogar richtig ausdauernd, und wir können uns nicht in allen Aspekten anpassen, ohne uns zu verlieren. Manchmal gilt in einer Beziehung: “Wir einigen uns darauf, uns nicht einig zu werden.” Das muss noch nicht das Ende der Beziehung bedeuten, wenn beide reif genug sind. Denn wer schon eine Zeitlang Mensch ist, hat gesehen: Wir Menschen sind alle ziemlich einzigartig. Und das macht auch den Reiz aus! Es kann inspirierend sein, vom anderen zu lernen, andere Sichtweisen zu verstehen, andere Arten zu Denken zu erleben.

Viele Menschen verschweigen ihre Meinung, Bedürfnisse, Wünsche aber auch aus Angst, den*die andere*n zu verlieren, besonders auch im sexuellen Bereich.

Oder aus Angst, dass ihre Wünsche nicht erfüllt werden: Dieser Enttäuschung lieber aus dem Weg gehen! “Lieber behalte ich meine Wünsche für mich, dann weiß ich wenigstens sicher, dass sie nicht erfüllt werden.”

Die abweichende Meinung eines nahestehenden Menschen auszuhalten, erfordert Stärke. Die eigene Meinung zu vertreten, erfordert Mut. Wie viele Familiensysteme und Paare tanzen jahrelang einen Eiertanz, aus Angst, den anderen verletzen oder triggern zu können.

Die Lösung liegt in der Erkenntnis:

AUCH IN EINER BEZIEHUNG SIND UND BLEIBEN WIR EIGENSTÄNDIGE UND FREIE WESEN.

Mich daran erinnern, dass ich ein Recht auf meine eigene Meinung habe.

Mich daran erinnern, dass du ein Recht auf deine eigene Meinung hast.

Mich daran erinnern, dass meine Wünsche, Bedürfnisse und Träume legitim sind und ich sie haben darf und gleichzeitig, dass die Möglichkeit besteht, dass nicht alles davon erfüllt werden wird.

Mich daran erinnern, dass du eigene Wünsche, Bedürfnisse und Träume hast, die legitim sind und dass ich nicht alle davon erfüllen muss.

Mich daran erinnern, dass es meine Aufgabe ist, mich um mein Wohlbefinden zu kümmern, und dass es deine Aufgabe ist, dich um dein Wohlbefinden zu kümmern.

Es ist wichtig, herauszufinden, ob du generell die

Bedürfnisse von anderen Menschen über deine eigenen stellst.

Meist passiert das in der Hoffnung, im Austausch Zuneigung zu bekommen oder um Konflikten zu entgehen. Oft liegen auch Angst vor Zurückweisung, Schuld- und Schamgefühle (“Ich bin nicht richtig, wie ich bin” – “Ich habe Angst, etwas falsch zu machen”) zugrunde.

Genauso ist es wichtig, dass du lernst, die Meinung von anderen zu akzeptieren und nicht als persönlichen Angriff zu werten, wenn sie von deiner Meinung abweicht. Besonders auch im sexuellen Kontext: Dein*e Partner*in hat eine bisher unbekannte Fantasie mit dir geteilt? Du kannst das erstmal sacken lassen und darfst in Ruhe darüber nachdenken, ob und unter welchen Bedingungen du dir vorstellen kannst, etwas Neues auszuprobieren.

In allen Beziehungen treffen Individuen mit eigener Biografie und einzigartigen Wesenszügen aufeinander.

Wir sollten lernen, unsere Einzigartigkeit zu feiern, denn gleichzeitig bringt dies Fülle und Vielfalt und unendliche Farben in die Welt!

LASST UNS WACHSEN: BESONDERS IM ZUSAMMENSEIN MIT GANZ GANZ NAHEN MENSCHEN DINGE NICHT PERSÖNLICH ZU NEHMEN.

Ich weiß, heftige Challenge. Aber es lohnt sich: Am Ende ärgern wir uns alle weniger übereinander und können echte Harmonie erleben und zeigen uns alle authentisch, statt der Angst zu folgen und unsere Facetten zu verstecken.

Ich freue mich über deine Meinung zu diesem Thema!

Herzlichst, Nora

Wer bin ich?

Wer bist du? Diese Frage wurde mir vor einigen Jahren gestellt. Ein Leben in wenige Worte zu fassen ist schwer, deswegen haben auch meine Zeilen hier keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit….

Ich bin Naturkind, Waldmädchen. Aufgewachsen mitten im Wald, abends der leise Wind in den Tannenwipfeln im Sommer, die lautlos fallenden Schneeflocken vor dem schwarzen Himmel im Winter, die Stürme dazwischen. Die taubenetzten Grashalme unter den nackten Füßen, das Zirpen der Grillen, das Heulen des Käuzchens. Meine Kindheit hat meine Verbindung, meine Liebe, meine Bewunderung zur Natur geprägt. Die Stille hat mich zur Zuhörerin gemacht. Das Umherstreifen im Wald hat mich zur genauen Beobachterin werden lassen. Das Leben im Wechsel der Jahreszeiten und inmitten der Launen der Natur hat mich Demut gelehrt und der Gewissheit nähergebracht, dass die Natur immer für uns da ist.

Ich bin Tochter. Aufgewachsen in einer heilen Welt, einer intakten Familie. Tochter zweier Kriminalpolizisten, geprägt durch verschlüsselte Andeutungen meiner Eltern untereinander, die mir das Gefühl gaben, dass es Schatten, Böses und Traumatisches im Paradies gibt.

Ich bin Enkelin. Enkelin des Krieges. Mein Opa hat sein Bein verloren, das war für uns immer sichtbar. Meine Oma hat viel verloren, das war unsichtbar. Wie viele meiner Generation konnte ich nicht wirklich erfahren, was meine Großeltern erlebt haben – ich habe nur Andeutungen, nebulöse Vorstellungen, unklares erfahren. Der Krieg war in meinen Großeltern und ihrem Leben immer präsent.

Ich bin Mutter. Nach der Kindheit im Wald und dem heiß ersehnten Umzug in die Kleinstadt – für mich hinein ins pralle Leben – als gerade Volljährige mein Kind bekommen. Diese lebensverändernde Erfahrung hat mich und mein Leben bewegt. Ich habe verstanden, dass es mehr gibt als mein eigenes Leben, dass es vieles gibt, dass ich weitergeben möchte, und einiges, das ich abstreifen und auf keinen Fall weitergeben will.

Ich bin Frau. Feministin, Gerechtigkeitsvertreterin. Frauenthemen faszinieren und bewegen mich. Männerthemen auch. Menschenthemen! Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wer sind wir? Warum sind wir manchmal scheinbar unterschiedlich und vielleicht doch gleich? Warum bekämpfen wir uns und wie gelingt Frieden? Wie können wir mit unserer Erde, unserer Heimat, diesem einzigartigen wunderschönen Planeten, liebevoll umgehen? Wie schaffen wir es, liebevoll mit uns selbst umzugehen? Was bleibt von uns, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind?

Ich bin Freundin. Verbindung ist für mich essenziell. Verbindlichkeit, Loyalität. Herzenswärme. Empathie. Berührung. Lachen. Mitteilen. Teilen. Da sein. Füreinander. Ich mag Menschen, die das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden können. Die sich trauen. Die sich mitteilen. Die warm sind und Wärme zu geben haben. Die über sich lachen können. Die echt sind. Meine Werte teilen, sich entwickeln wollen. Kritisch sind, hinterfragen. Eine eigene Meinung haben. Stark und zerbrechlich. Weites Herz & Mut & Lachen. Ich bin eine Liebende.

Ich bin Suchende. Immer auf der Suche nach dem tieferen Sinn, neugierig, erstaunt, wenn ich wieder ein Puzzlestück entdecke. Ich lerne dauernd, ich lese viel. Ich mache mir Gedanken, ich spreche mit Menschen, ich stelle Fragen. Ich lasse mich inspirieren. Ich lerne nie aus. Und deswegen faszinieren mich auch so viele Themen gleichermaßen, dass ich mich nicht auf ein Thema festlegen will. Meine Leidenschaft, mein Interesse gilt dem Körper und der Natur, Beziehungen aller Art, Konflikten und Traumata, insbesondere der Beziehung von Paaren und der Sexualität in all ihren Facetten. Darüber hinaus alles, was irgendwie mit dem Menschsein zusammenhängt.

Ich bin Ich. Ich liebe es zu tanzen. Ich liebe Schokolade. Ich liebe schlaue Menschen und gute Gedanken. Ich liebe die Natur, die Berge & die Seen. Ich liebe Blumen, Bäume und Tiere. Ich liebe es in der Sonne zu liegen und im Sturm fest zu stehen. Ich liebe es zu spielen und zu lachen. Ich liebe gutes/veganes Essen. Ich liebe es, mich in der Gesellschaft von liebevollen Menschen aufgehoben und gehalten zu fühlen.

Nora – April 2024